ETF ist nur die Verpackung: Worauf es bei einem ETF wirklich ankommt

Letztes Update: 21. Oktober 2026

«Soll ich in ETF investieren?» Diese Frage höre ich im Erstgespräch fast jede Woche. Sie ist gut gemeint. Aber sie ist ungefähr so hilfreich wie die Frage, ob man seine Einkäufe im Plastiksack nach Hause tragen soll. Kann man machen. Entscheidend ist, was drin ist.

Vor zwanzig Jahren war «ETF» ein Versprechen: tiefe Kosten, breite Streuung und kein Fondsmanager, der mit Ihrem Geld auf die nächste grosse Geschichte wettet. Heute ist das Wort zu einem Gütesiegel geworden, das es nie war. An der SIX Swiss Exchange sind inzwischen über 2’000 ETF kotiert. Darunter hat es hervorragende Produkte. Und solche, bei denen ich mich ernsthaft frage, wer sie kaufen soll.

Deshalb meine These: Es ist Zeit für das Post-ETF-Zeitalter. Nicht weil ETF ausgedient hätten, im Gegenteil. Sondern weil das Wort allein nichts darüber aussagt, ob eine Anlage gut ist.

Was ein ETF ist und was nicht

ETF steht für Exchange Traded Fund, also börsengehandelter Fonds. Der Begriff beschreibt drei Dinge: Es handelt sich um einen Fonds, dessen Vermögen als Sondervermögen vom Anbieter getrennt ist. Er wird an der Börse gehandelt und bildet häufig einen Index nach. Doch längst nicht jeder ETF ist passiv verwaltet: Auch aktive Anlagestrategien lassen sich in einem ETF umsetzen.

Was der Begriff nicht beschreibt: welche Wertpapiere drin sind, wie viele es sind, wie sie gewichtet werden und wie viel Risiko Sie damit eingehen. Das steht in der Indexmethodik und im Prospekt. Genau dort schaut kaum jemand hin.

Der Plastiksack trägt alles, was man hineinlegt

Stellen Sie sich einen Plastiksack vor. Ein guter, reissfester, durchsichtiger. Er ist günstig, praktisch und macht genau das, was er soll: Er trägt den Inhalt von A nach B.

Legen Sie einen Goldbarren hinein, transportiert der Sack Gold. Legen Sie Gemüse vom Markt hinein, trägt er Gemüse. Und schaufeln Sie Kuhmist hinein, dann trägt er eben Kuhmist. Dem Sack ist das egal. Er urteilt nicht.

Dabei hat der ETF-Sack zwei echte Vorzüge. Er ist reissfest: Geht der Anbieter in Konkurs, gehört das Fondsvermögen weiterhin den Anlegern. Und er ist durchsichtig: Die Bestände werden in der Regel täglich veröffentlicht. Man könnte also jederzeit hineinschauen. Die wenigsten tun es.

Übrigens ist Kuhmist nicht wertlos. Auf dem Feld kann er als Dünger verwendet werden. Nur gehört er selten in Ihr Depot.

Wenn Gold drinsteckt: der solide Kern

Für diesen Inhalt wurde der Sack erfunden. Ein breit gestreuter Aktien-ETF auf die Welt enthält Hunderte bis Tausende Unternehmen aus allen Branchen und kostet oft nur 0.1 bis 0.2% pro Jahr. Das ist unspektakulär. Und genau das ist der Punkt.

Mit solchen Bausteinen kaufen Sie keine Wette auf eine Geschichte, sondern einen Anteil an der gesamten Wirtschaft. Die Rendite kommt nicht daher, dass Sie klüger sind als der Markt, sondern daher, dass Sie den Markt besitzen. Ein Gold-Sack eben.

Wenn Kuhmist drinsteckt: unsinnige ETF an der Schweizer Börse

Jetzt wird es interessant. Die folgenden Beispiele sind alle an der SIX Swiss Exchange handelbar, also für jede Schweizer Anlegerin und jeden Schweizer Anleger mit ein paar Klicks erreichbar.

Beispiel 1: Der Wasserstoff-ETF

Der L&G Hydrogen Economy UCITS ETF wurde im Februar 2021 lanciert und ist auch an der SIX in Franken handelbar. Das Timing war perfekt, zumindest für den Anbieter: Wasserstoff war damals das Zukunftsthema schlechthin, und Anleger kauften die Geschichte.

Im Sack stecken rund 25 bis 30 Titel aus einer einzigen Nische. Viele davon, etwa Plug Power, Nel oder Ballard Power, verdienen bis heute kein Geld. Seit der Lancierung hat der ETF rund die Hälfte seines Werts verloren (Stand August 2025). Zwischendurch gibt es kräftige Erholungen, auch 2026 wieder. Das ändert nichts am Grundproblem: Das ist keine Anlage, sondern eine Wette auf eine Branche, verpackt als ETF.

Die Lehre daraus: Anbieter lancieren Themen-ETF dann, wenn sich das Thema gut verkaufen lässt. Also meistens nahe am Höhepunkt des Hypes. Der Zeitpunkt der Lancierung ist Marketing, nicht Anlagestrategie.

Beispiel 2: Dreifach gehebelter Bitcoin

Seit November 2025 sind an der SIX Produkte kotiert, die täglich das Dreifache der Bitcoin- oder Ethereum-Bewegung liefern, wahlweise nach oben oder nach unten. Die Position wird täglich neu gewichtet, die Verwaltungsgebühr beträgt 2% pro Jahr.

Das tägliche Rebalancing ist der eigentliche Mist in diesem Sack. Ein einfaches Rechenbeispiel: Bitcoin fällt an einem Tag um 10% und steigt am nächsten um 11.1%. Unter dem Strich steht Bitcoin wieder bei 100. Das dreifach gehebelte Produkt fällt am ersten Tag um 30% auf 70 und steigt dann um 33.3% auf 93.3. Obwohl Bitcoin keinen Rappen verloren hat, fehlen Ihnen 6.7%. Vor Gebühren. Bei einer derart schwankenden Anlage frisst dieser Effekt über die Zeit einen grossen Teil des Kapitals auf.

Und noch etwas: Technisch sind diese Produkte gar keine ETF, sondern ETP. In der Schweiz sind ETP keine kollektiven Kapitalanlagen und brauchen keine Genehmigung der FINMA. Es ist also nicht einmal derselbe Sack, er sieht nur so aus. Allein an der SIX gibt es mittlerweile mehrere Hundert Krypto-Produkte. Menge ist kein Qualitätsmerkmal.

Beispiel 3: Die Themenparade

Metaverse, Cannabis, E-Sports, Weltraum, Zukunft der Ernährung: Seit 2020 wurde gefühlt jedes Schlagwort in einen ETF verpackt. Das Muster ist fast immer dasselbe. Ein Thema wird populär, ein Anbieter lanciert einen ETF, das Geld fliesst am Höhepunkt hinein, dann folgt die Ernüchterung. Nicht wenige dieser Produkte werden nach ein paar Jahren still und leise wieder geschlossen, weil zu wenig Geld drinsteckt. Die Verluste bleiben bei den Anlegern.

Gemeinsam ist all diesen Beispielen: Enge Auswahl, hohe Kosten im Vergleich zu breiten ETF und eine gute Geschichte statt einer guten Begründung. Kuhmist in einem sauberen Plastiksack.

Aktive Strategie im passiven Sack

Viele setzen ETF mit passivem Investieren gleich. Das stimmt schon lange nicht mehr. Auch hier gilt: Die Hülle sagt nichts über den Inhalt.

Erstens gibt es aktiv verwaltete ETF. An der SIX ist mittlerweile fast jeder zehnte ETF aktiv verwaltet, Tendenz steigend. Ein Beispiel ist der Avantis Global Small Cap Value UCITS ETF, der seit Juni 2025 an der SIX kotiert ist. Er versucht aktiv, den MSCI World Small Cap Value Index zu schlagen, indem er kleinere Unternehmen mit tiefer Bewertung und hoher Profitabilität bevorzugt. Das ist eine aktive Strategie, aber eine, die auf jahrzehntelanger Forschung beruht und nicht auf einer Story. Solche Ansätze setze ich selbst gerne ein.

Zweitens kann man mit ganz gewöhnlichen, passiven ETF sehr aktiv anlegen. Wer jeden Monat zwischen Technologie-, Gesundheits- und Energie-ETF hin- und herschichtet, betreibt aktives Management. Nur mit günstigeren Werkzeugen. Und wer einen Wasserstoff-ETF kauft, hat eine hochaktive Entscheidung getroffen: Er setzt auf eine einzige Branche. Der Index setzt diese Wette danach bloss passiv um.

Die entscheidende Frage lautet also nicht «aktiv oder passiv?» und auch nicht «ETF oder Fonds?», sondern: Beruht die Entscheidung auf Evidenz oder auf einer Geschichte?

Checkliste: So finden Sie heraus, was im Sack ist

Bevor Sie einen ETF kaufen, lohnt sich ein Blick in den durchsichtigen Sack. Diese sieben Fragen helfen:

  • Welchen Index bildet der ETF ab, und nach welchen Regeln? Das Factsheet und die Indexmethodik geben Auskunft.
  • Wie viele Titel sind drin? 30 Aktien aus einer Nische sind etwas völlig anderes als 3’000 aus der ganzen Welt.
  • Wie viel machen die zehn grössten Positionen aus? Je höher der Anteil, desto grösser das Klumpenrisiko.
  • Was kostet das Ganze wirklich? Neben der TER zählen auch der Spread beim Kauf und Verkauf sowie das Handelsvolumen an der SIX.
  • Ist ein Hebel im Spiel? Dann ist das Produkt für langfristige Anleger in aller Regel ungeeignet.
  • Ist es ein ETF oder ein ETP/ETN? Nur beim ETF ist das Vermögen als Sondervermögen geschützt.
  • Warum gibt es das Produkt gerade jetzt? Wenn die Antwort «weil das Thema gerade in allen Zeitungen steht» lautet, ist Vorsicht angebracht.

Fazit: Willkommen im Post-ETF-Zeitalter

ETF sind eine der besten Erfindungen für Privatanleger. Das gilt nach wie vor. Aber das Wort hat seine Aussagekraft verloren. Ein ETF kann das effizienteste Werkzeug für Ihren Vermögensaufbau sein oder ein teurer Umweg in eine Sackgasse.

Im Post-ETF-Zeitalter fragen wir deshalb nicht mehr «ETF ja oder nein?», sondern: Was steckt drin, warum steckt es drin, und passt es zu meinen Zielen? Das ist weniger bequem als ein Schlagwort, aber es schützt Sie davor, Kuhmist zum Goldpreis zu kaufen.

Als Honorarberater verdiene ich an keinem dieser Produkte etwas, weder am Gold noch am Mist. Wenn Sie wissen möchten, was in Ihrem Depot tatsächlich steckt, schauen wir gemeinsam in den Sack. Das Kennenlerngespräch ist kostenlos und findet online oder telefonisch statt.

Reto Stalder, Finanzberater
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