Vor kurzem sass eine Klientin bei mir, Mitte vierzig, seit kurzem hat sie ihr eigenes ETF-Depot aufgebaut. Sie kam nicht wegen einer Umschichtung, sondern mit einer konkreten Frage: Sie wollte einen namhaften Betrag in KI-Aktien investieren, am liebsten direkt in Speicherchip-Hersteller. Ihr Schwager habe damit dieses Jahr um die 60 Prozent gemacht, ein Arbeitskollege rede seit Monaten über kaum etwas anderes. Sie wollte nicht länger zuschauen, wie andere mit KI-Aktien viel Geld verdienen, während ihr eigenes Depot «nur» die Marktrendite erzielt.
Dieses Gespräch führe ich zurzeit auffallend oft. Die Namen und Beträge sind unterschiedlich, das Muster ist aber ähnlich.
Inhaltsverzeichnis
- Warum KI-Aktien so schwer zu ignorieren sind
- Es geht nicht nur um die Rendite
- Eine gute Technologie ist nicht automatisch eine gute Anlage
- Muss ich KI-Aktien überhaupt zusätzlich kaufen?
- Was ich meiner Klientin vorgeschlagen habe
- Warum ich von Einzelwetten oft wenig halte
- Was ein Gespräch mit einem unabhängigen Berater bringen kann
- Fazit: Nicht KI ignorieren, sondern das eigene Depot verstehen
- Kostenloses Erstgespräch buchen
Warum KI-Aktien so schwer zu ignorieren sind
KI ist derzeit kaum zu übersehen. In den Medien geht es um künstliche Intelligenz, Unternehmen investieren Milliarden in Rechenzentren und Halbleiter, und einzelne KI-Aktien haben enorme Kursgewinne erzielt. Dazu kommen die persönlichen Erfolgsgeschichten, wie die mit dem Schwager. Dass ein breit diversifiziertes Portfolio langfristig einfach die Marktrendite erzielt, klingt da ziemlich unspektakulär.
Wir sehen, was stark gestiegen ist. Wir hören von denjenigen, die richtig lagen. Die vielen Anleger, die dieselbe Aktie zu spät gekauft oder mit einer anderen Aktie Geld verloren haben, erzählen ihre Geschichte deutlich seltener.
Vergleich All-World-ETF mit Semiconductor-ETF. Keine Handelsempfehlung.
Es geht nicht nur um die Rendite
Bei meiner Klientin ging es deshalb gar nicht primär darum, möglichst viel Rendite zu erzielen. Es ging um das Gefühl, etwas zu verpassen. Wenn im eigenen Umfeld plötzlich alle über KI-Aktien sprechen, entsteht schnell der Eindruck, dass man handeln muss. Wer bereits investiert ist, fragt sich vielleicht, ob das eigene Depot zu vorsichtig aufgestellt ist. Wer noch nicht investiert ist, möchte nicht in ein paar Jahren zurückblicken und denken: «Warum bin ich damals nicht eingestiegen?». Diese Angst, eine Chance zu verpassen, kann erstaunlich stark sein. Und sie führt häufig dazu, dass Anleger gerade dann aktiv werden, wenn ein Thema bereits sehr populär geworden ist.
Eine gute Technologie ist nicht automatisch eine gute Anlage
Das ist für mich der wichtigste Punkt beim Thema KI-Aktien. Ich halte es für durchaus plausibel, dass künstliche Intelligenz die Wirtschaft in den nächsten Jahren und Jahrzehnten stark verändern wird. Daraus folgt aber nicht automatisch, dass jede KI-Aktie eine gute Anlage ist.
Zwischen diesen beiden Fragen besteht ein grosser Unterschied:
- Wird künstliche Intelligenz wirtschaftlich wichtig?
- Sind die Aktien der Unternehmen, die heute davon profitieren sollen, zu den aktuellen Preisen attraktiv?
Eine Aktie kann zu einem hervorragenden Unternehmen gehören und trotzdem eine enttäuschende Rendite erzielen, wenn bereits sehr viel zukünftiges Wachstum im Aktienkurs eingepreist ist. Genau deshalb würde ich bei KI-Aktien nicht nur über die Technologie sprechen, sondern auch über den Preis, die Erwartungen und das Risiko.
Muss ich KI-Aktien überhaupt zusätzlich kaufen?
Wer bereits in ein breit diversifiziertes Aktienportfolio investiert, besitzt schliesslich schon Beteiligungen an vielen Unternehmen, die vom technologischen Fortschritt profitieren. Dazu gehören auch Unternehmen, die heute stark mit künstlicher Intelligenz, Halbleitern, Cloud Computing oder Rechenzentren verbunden sind.
Die Frage lautet deshalb nicht unbedingt: «Glaube ich an künstliche Intelligenz?»
Die interessantere Frage ist: «Möchte ich diese Unternehmen zusätzlich stärker gewichten als der weltweite Aktienmarkt?»
Das ist ein grosser Unterschied. Wer gezielt einzelne KI-Aktien kauft, setzt nicht einfach auf künstliche Intelligenz. Er erhöht gleichzeitig die Gewichtung bestimmter Unternehmen, Branchen und Länder. Damit steigt auch das Klumpenrisiko.
Was ich meiner Klientin vorgeschlagen habe
Ich habe ihr nicht gesagt, sie solle keine KI-Aktien kaufen. Stattdessen haben wir zuerst angeschaut, welche Rolle eine solche Anlage in ihrem Gesamtvermögen überhaupt spielen soll. Wie viel wäre sie bereit zu investieren, wenn sich die Aktie danach halbiert? Und noch wichtiger: Würde sie bei einem solchen Kursrückgang tatsächlich investiert bleiben – oder würde sie dann verkaufen?
Solche Fragen sind aus meiner Sicht wichtiger als die Frage, ob eine Aktie in den nächsten Monaten noch 20 oder 30 Prozent steigen könnte. Am Ende haben wir deshalb keine Entscheidung darüber getroffen, ob KI-Aktien «gut» oder «schlecht» sind. Wir haben eine Grenze festgelegt, wie gross eine solche Position maximal sein soll.
Warum ich von Einzelwetten oft wenig halte
Eine einzelne Aktie kann natürlich eine hervorragende Rendite erzielen. Das Problem ist, dass man vorher nicht weiss, welche Aktie das sein wird. Genau deshalb halte ich es für sinnvoll, das eigene Anlagevermögen nicht davon abhängig zu machen, dass man einige wenige Gewinner richtig auswählt.
Bei einem breit diversifizierten Portfolio muss man nicht wissen, welches Unternehmen die nächste grosse Erfolgsgeschichte wird. Man besitzt viele Unternehmen gleichzeitig und nimmt damit auch an der Entwicklung jener Unternehmen teil, die sich in Zukunft besonders gut entwickeln. Das ist im Vergleich zur erfolgreichen Einzelaktie wenig spektakulär. Und genau das ist manchmal die Schwierigkeit.
Was ein Gespräch mit einem unabhängigen Berater bringen kann
Meine Aufgabe sehe ich bei solchen Entscheidungen nicht darin, die nächste KI-Aktie vorherzusagen. Das kann niemand seriös. Ich sehe meine Rolle darin, gemeinsam mit meinen Kundinnen und Kunden zu prüfen, ob eine Anlageentscheidung tatsächlich zum gesamten Vermögen, zum Anlagehorizont und zum persönlichen Risikoprofil passt. Gerade bei Themen wie KI-Aktien ist eine zweite Meinung deshalb oft hilfreich.
Eine Frage reicht manchmal schon: Geht es hier um eine bewusste Anlageentscheidung – oder darum, nicht länger zuschauen zu müssen? Wenn die Antwort die zweite Variante ist, lohnt es sich meistens, noch einmal einen Schritt zurückzugehen.
Fazit: Nicht KI ignorieren, sondern das eigene Depot verstehen
Ich rate niemandem grundsätzlich von KI-Aktien ab. Künstliche Intelligenz wird die Wirtschaft verändern, und es wird Unternehmen geben, die davon erheblich profitieren. Die entscheidende Frage ist aber nicht, ob man diese Entwicklung spannend findet. Entscheidend ist, wie viel Risiko man dafür im eigenen Depot eingehen möchte. Wer bereits breit diversifiziert investiert ist, muss deshalb nicht das Gefühl haben, etwas zu verpassen, nur weil er nicht zusätzlich die gerade angesagten KI-Aktien kauft.
Und wer trotzdem eine gezielte Position eingehen möchte, kann das tun – solange vorher klar ist, wie gross diese Position sein darf und welches Risiko damit verbunden ist.
Genau solche Fragen bespreche ich mit meinen Kundinnen und Kunden, bevor aus dem Gefühl, etwas zu verpassen, eine Anlageentscheidung wird.
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