Aktie verkaufen oder behalten? Warum dein Bauchgefühl oft falsch liegt

Folgende Sätze lese ich in der Finanzberatung immer wieder:

“Die verkaufe ich nicht, die ist richtig gut gelaufen.”

Nadia, über eine Einzelaktie, die seit dem Kauf deutlich im Plus steht

“Ich warte noch mit dem Verkauf, die ist gerade im Minus.”

Thomas, über eine Einzelaktie, die seit dem Kauf deutlich im Minus steht

Zwei Kunden, zwei komplett unterschiedliche Ausgangslagen. Nadia freut sich über einen Gewinn, Thomas ärgert sich über einen Verlust. Trotzdem steckt in beiden Aussagen häufig derselbe Denkfehler. Beide lassen sich von einer Zahl leiten, die für die Entscheidung von heute eigentlich irrelevant ist: dem Preis, zu dem sie einmal gekauft haben.

Die Gemeinsamkeit: der Kaufpreis als Anker

Nadia und Thomas ziehen aus ihrer Situation gegenteilige Schlüsse – laufen lassen versus nicht verkaufen. Trotzdem beruhen beide Reaktionen auf demselben psychologischen Mechanismus: dem eigenen Kaufpreis als Referenzpunkt. Die Verhaltensökonomen Daniel Kahneman und Amos Tversky haben mit der Prospect Theory gezeigt, dass Menschen Gewinne und Verluste nicht absolut bewerten, sondern relativ zu einem Referenzpunkt – im Depot ist das häufig der Einstandspreis. Eine Position wird deshalb oft danach beurteilt, ob sie im Vergleich zum Kaufpreis im Plus oder Minus liegt, statt danach, welchen Beitrag sie ab heute für das Portfolio leisten kann.

Aktie verkaufen oder behalten? Screenshot Aktiendepot von Swissquote.
Screenshot

Bei Thomas führt dieser Anker zum klassischen Dispositionseffekt: Der Wirtschaftswissenschaftler Terrance Odean hat 1998 anhand von Tausenden realen Depots gezeigt, dass Anlegerinnen und Anleger Verlustpositionen systematisch zu lange halten, weil der Verkauf den Verlust erst “endgültig” macht.

Bei Nadia führt derselbe Anker zu einer anderen, ebenso verbreiteten Reaktion: Ein Gewinn wird als Bestätigung gelesen, dass die ursprüngliche Entscheidung richtig war – und diese Bestätigung wird unreflektiert in die Zukunft fortgeschrieben. Beide Reaktionen beantworten dieselbe falsche Frage (“bin ich im Plus oder Minus”) nur mit unterschiedlichem Vorzeichen.

Nadias Fehler: der bisherige Erfolg wird zur Prognose für die Zukunft

“Die ist richtig gut gelaufen” beschreibt die Vergangenheit. Sie beantwortet nicht die Frage, die eigentlich zählt: Ist diese Aktie zum heutigen Preis, mit den heute bekannten Aussichten, noch eine gute Position in meinem Portfolio? Ein Kursverlauf der letzten Monate ist keine Prognose für die nächsten Monate. Wenn Nadia diese Aktie heute noch nicht besässe – würde sie sie zum aktuellen Kurs neu kaufen? Wenn die Antwort nein ist, ändert der bisherige Gewinn daran nichts.

Thomas’ Fehler: Warum viele Anleger eine Aktie im Minus nicht verkaufen

Thomas’ Logik folgt einer verbreiteten, aber trügerischen Buchhaltung im Kopf: Solange die Position nicht verkauft ist, ist der Verlust nur “auf dem Papier”. Ökonomisch ist das falsch. Der Wert seines Depots ist heute niedriger als beim Kauf – ob er verkauft oder nicht, ändert daran nichts. Was sich durch das Warten ändert, ist nur, ob er sich entscheidet, das Geld weiterhin in dieser einen Aktie investiert zu lassen oder in eine andere Anlage umschichten. “Ich verkaufe erst, wenn ich wieder bei null bin” ist eine mentale Regel, die der Markt nicht kennt und die nicht dazu führt, dass sich die Aktie schneller erholt.

Der gemeinsame blinde Fleck: die falsche Frage

Nadia fragt sich: “Bin ich im Plus?” Thomas fragt sich: “Bin ich im Minus?” Beide Fragen drehen sich um die Vergangenheit und um einen Preis, der für den Markt heute bedeutungslos ist. Die einzige Frage, die tatsächlich weiterhilft, lautet: Würde ich diese Position, so wie sie heute dasteht, zum heutigen Kurs neu aufbauen? Diese Frage trennt sauber zwischen dem Gefühl (Gewinn oder Verlust) und der eigentlichen Entscheidung (halten, aufstocken oder verkaufen).

Das eigentliche Problem dahinter: Einzelaktien zwingen in diese Falle

Bei Nadia und Thomas fällt auf: Die Diskussion entsteht überhaupt nur, weil beide eine einzelne Aktie halten, deren Kursverlauf sie genau vor Augen haben. Bei einer einzelnen Position ist der eigene Einstandspreis präsent, greifbar, emotional aufgeladen. In einem breit diversifizierten ETF oder Indexfonds mit hunderten oder tausenden Positionen verliert der Einstandspreis einer einzelnen zugrunde liegenden Aktie diese emotionale Wucht – man hält ja nicht “die eine Aktie”, sondern einen ganzen Markt.

Einzelaktien bringen ein Klumpenrisiko ins Depot, das nicht durch eine höhere erwartete Rendite entschädigt wird. Das unternehmensspezifische Risiko einer einzelnen Aktie – schlechtes Management, ein verlorener Grosskunde, ein gescheitertes Produkt – lässt sich durch Diversifikation vollständig wegdiversifizieren, ohne dass die erwartete Rendite darunter leidet. Wer trotzdem auf einzelne Titel setzt, trägt zusätzliches Risiko, für das der Markt nicht bezahlt.

Was Nadia und Thomas stattdessen tun könnten: breiter statt einzeln

Der pragmatische Weg aus der Dispositionseffekt-Falle beginnt nicht bei der einzelnen Kauf- oder Verkaufsentscheidung, sondern bei der Portfoliostruktur. Wer statt einzelner Aktien breit diversifizierte ETFs, Indexfonds oder Fonds hält, muss diese Entscheidung – “verkaufe ich genau diese eine Position” – gar nicht mehr treffen. Das Portfolio bewegt sich als Ganzes, keine einzelne Position entscheidet über Erfolg oder Misserfolg, und der Blick auf den eigenen Einstandspreis einer einzelnen Aktie verliert seine emotionale Bedeutung.

Für Nadia und Thomas heisst das konkret: Statt zu fragen, ob sie diese eine Aktie jetzt verkaufen sollen, lohnt sich die grössere Frage, ob Einzelaktien in ihrem Depot überhaupt noch die richtige Bausteinwahl sind – oder ob ein schrittweiser Umbau in Richtung breiter Diversifikation die Dispositionseffekt-Frage für die Zukunft gleich ganz vom Tisch nimmt.

Fazit: Die Aktie weiss nicht, was du bezahlt hast

Der Markt kennt deinen Einstandspreis nicht und interessiert sich nicht dafür. Ob du eine Aktie verkaufen solltest, hängt nicht davon ab, ob sie im Plus oder Minus steht, sondern davon, ob sie heute noch in deine Anlagestrategie passt. Und je breiter ein Portfolio diversifiziert ist, desto seltener muss man sich diese Frage überhaupt für eine einzelne Aktie stellen.


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